Fotoclub - Vereinsreise zur Dampfbahn Furka Bergstrecke vom 28./29. August 2010
Regen, Sonne, Dampf, Wein und grosses Klicken aus der Sicht eines Gasts und Eisenbahnfans
Für mich begann der Wochenendausflug mit dem Fotoclub St. Gallen an Mutters Kochtöpfen: Gerald Hudovernik, Werner Hugener und Präsident Bernhard Bischoff erlernen in Kursen meiner Ehefrau das zivilisierte Schwingen des ganz grossen Kochlöffels. Am Ende eines solchen Kurses laden die neuen Meister dann ihre Gattinnen zum Abschlussschmaus ein, ebenso den schreibenden Prinzgemahl der gelahrten Dozentin. So sassen wir also zusammen und überbrückten die Pausen zwischen den Gängen mit angeregter Unterhaltung. Dabei wurde die anstehende Vereinsreise zur Furka Bergstrecke erwähnt. Meine Ohren spitzten sich und ich wagte die Bemerkung, dass diese Dampfbahn schon lange auf meiner Wunschliste stehe. Damit hatte ich mir flugs die freundliche Aufforderung zum Mitkommen eingehandelt, obwohl ich noch manchmal vergesse, zum Schnappschuss den Objektivdeckel zu entfernen. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für die Einladung!
Drunten auf dem Bahnhof, in der Frühe des Samstagmorgens des 28. Augusts: Da stehen nach Professionalität aussehende Foto-Packs und –Rucksäcke beim SOB-Gleis 5, hinter jedem erwartungsvolle Fotoclub-Mitglieder mit ihren Partnerinnen. Alle sind nebst Kameras uns Stativen auch gut mit Regenkleidung ausgerüstet. Leider herrscht bestes St. Galler Regenwetter. Der guten Laune tuts’s keinen Abbruch, die SOB ist pünktlich und schon vor Herisau diskutieren die Reiseteilnehmer über Fotografie und Eisenbahnwesen. Die Fahrt über die schöne Strecke des Voralpenexpress bleibt trübe, auch der Aufstieg über die Gotthardnordrampe bis Göschenen, wo der erstmalige Einstieg in einen Zug der neu so genannten Matterhorn Gotthard Bahn erfolgt. Nach der Teufelsbrücke fährt die Gruppe in Sawiristan ein, eine grosse Baugrube vor dem Bahnhof zeugt vom kommenden Welt-Touristendorf. Für uns sind aber Kafi und Gipfeli im reservierten Bahnhofbuffet im Moment wichtiger. Dann fährt die fünfspännige alte Gotthard-Post vor. Der Fuhrmann wird das Dorf wohl noch Andermatt nennen. Die schöne Kutsche kommt aber nicht unseretwegen. Macht nichts, wir haben uns ja schon vor Monaten für die Dampfattraktion entschieden!
Aber vorerst geht’s elektrisch mit einem Regionalzug weiter bis Realp. Noch immer müssen sehr kurze Verschlusszeiten für jedes Bild gewählt werden, sonst wimmelt’s dann von länglichen Regen-Strichen. Soviel Wasser können auch die Tender von viel grösseren Dampfloks nicht fassen als jene beiden historischen Schmuckstücke, die bei unserer Ankunft in Realp bereits im Nebenbahnhof DFB dampfen. Links von uns verschwindet der erste Autoverladezug im Furka Basistunnel, doch wir reisen zurück in die Vergangenheit. Trotz strömendem Regen werden die DFB Loks Nummer 1, die schwarze, und Nummer 4, die schöne blaue, von allen Seiten, auch wenn sie unter der Dusche stehen, auf die Speicherkarten gebannt. Auf der blauen Lok steht in Stichworten ihr erstaunlicher Lebensweg: 1913 von SLM (Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik) Winterthur an die damalige Brig – Furka – Disentis-Bahn geliefert, 1925 von der Furka – Oberalp-Bahn übernommen, 1947 nach Vietnam verkauft und 1990 als fürchterlicher Rosthaufen von Eisenbahnverrückten im Dschungel aufgespürt, unter misslichsten Bedingungen wieder in die Schweiz transportiert und schliesslich seit 1993 einsatzbereit auf der Furka-Bergstrecke zurück!
Ja, die Pufferküsser! (So darf man Eisenbahnfans nur nennen, wenn man selbst zu ihnen gehört!) Was auf der Furka seit 1982 geschah, ist ein grosses Eisenbahnwunder. Im Herbst 1981 verkehrten die letzten von Elektroloks der FO geförderten Züge über die Bergstrecke. Im Frühling 1982 wurde der Furkaloch geschimpfte Basistunnel eröffnet, die Bergstrecke, seit Jahren vernachlässigt, schien dem Tod geweiht. Ich selbst, Pufferküsser, schüttelte nur den Kopf, als ich hörte, ein Trüppchen Unentwegter wolle die Bergstrecke reaktivieren und wieder mit Dampf betreiben. Die spinnen, die Urner und Walliser, dachte ich mir. Aber es kam anders. Knappe drei Wochen vor unserer Reise feierten die Furka-Freunde die Eröffnung des letzten Teilstücks Gletsch – Oberwald: Die Furka Bergstrecke wird wieder durchgehend betrieben! Es war ein langer Weg bis hierhin. Umso mehr muss ich selbst und müssen wohl alle, deren Herz nur ein kleines Bisschen für die gute alte Eisenbahn schlägt, den 10 Gallonen-Hut vor der Leistung der Furka-Truppe ziehen! Und es waren nicht nur die Walliser und Urner. Mittlerweile zählt der Verein Furka Bergstrecke über 7'500 Mitglieder in diversen Sektionen in der Schweiz, in Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Ohne die finanzielle Unterstützung vieler Institutionen und vor allem auch ohne zehntausende Stunden von Fronarbeit der Vereinsmitglieder würden die blitzblanken Dampf-Oldies nicht wieder durch die grandiose Bergwelt des zentralen Gotthardmassivs dampfen.
All diese Hintergründe erfahren die Teilnehmer aus berufenen Munde. Ernst Halter, aktives Furka-Bergstrecke-Vereinsmitglied der ersten Stunde und „Froni“ ermöglicht uns an beiden Tagen einen detaillierten Blick hinter sämtliche Kulissen. Wir sehen die Werkstätten, die Froni-Unterkünfte, die Kantine, die Hochwasserverbauungen und die Magazine. Was sehr trocken tönt (der Regen findet ja draussen statt), ist aber nicht so: Alfred Spahn, Weinbauer aus Dachsen am Rheinfall und selbst angefressener Furkabähnler, hat vor einer der Dampfloks im Depot Realp seine Weine zur Degustation aufgestellt. Männiglich kann eine Flasche seines Lieblingstropfen zum DFB-Spezialpreis erwerben und diese mitnehmen in die Kantine zum Nachtessen. Wir erhalten das gleiche Menü wie die anwesenden Fronis: währschaft aber lecker und ganz günstig. Anschliessend geht’s noch zu einem Schlummerbecher in die Dorfbeiz und dann in die Unterkunft. Trotz dem vielen Nass (Regen) oder gerade deswegen (Dachsner Wein und Schlummerbecher) verbringen alle eine gute Nacht im Hotel Post in Realp oder im Rössli in Hospental.
Am Sonntag werden wir St. Galler Fotografen (und zugewandte Orte) dann für die Sturzbäche des Vortags entschädigt. Ein herrlicher alpiner Morgen lässt alle die Kameras wieder zücken. Die einen treffen sich wieder im Depot zu weiteren Besichtigungen mit Reiseleiter Emil oder im Bahnhof zur Begleitung der Ausfahrt der heutigen beiden Züge in Richtung Oberwald, andere hat die Wanderlust gepackt, und sie machen sich auf die Socken Richtung Andermatt. Die Gruppe mit Emil verschwindet dabei im Berg, nicht im Furka-Tunnel, sondern in einem alten Festungsstollen gleich neben der Werkstatt, der heute als Magazin dient. Dort sind wir angetan von der fast pingeligen Ordnung aller nur erdenklichen Materialien. Kaum ein eidgenössisches Zeughaus (an sowas denkt man spontan in dieser militärischen Umgebung) hatte wohl alles so optimal „geplankt“. Die gute Ordnung, so lernt der geneigte Zuhörer, ist unerlässlich, wenn jede Woche eine andere Gruppe von Fronis aus einem anderen Land die Magazine frequentiert. Und wieder glänzt die Küchenmannschaft für ein Zehnernötli mit einem nahrhaften, feinen Essen. Der Schweinebraten nach Grosis Rezept hält ganz bestimmt für die Heimfahrt Richtung Ostschweiz. Ab Andermatt nach Göschenen ist dann die Reisegruppe wieder vollzählig beisammen und lässt sich von SBB und SOB wieder über den Sattel und unter dem Ricken und der Wasserfluh hindurch in die Gallusstadt fahren. Die Gespräche auf dieser Fahrt sind nicht mehr so angeregt wie beim Aufbruch auf die Furka. Die vielen Eindrücke müssen verarbeitet werden und im einen oder anderen Abteil wird auch einem Nickerchen gefrönt.
Ein tolles Eisenbahn-Wochenende. Ein tolles Foto-Wochenende. Hier noch gar nicht erwähnt: Die Dampffahrt am Samstag von Realp über die berühmte Steffenbachbrücke, die jeden Winter demontiert wird, um der bösen Lawine Platz zu machen, durch die Stationen Tiefenbach und Furka (mit Halt und Kafi Lutz), dann durch den 1,8 Kilometer langen Furka-Scheiteltunnel, anschliessend mit Blick auf das, was vom Rhone-Gletscher noch übrig geblieben ist, von Muttbach-Belvédère hinunter nach Gletsch und schliesslich Oberwald war natürlich das Sahnehäubchen auf dieser Vereinsreise. Ich bin sicher, dass es einigen geht wie mir: DFB, ich komme wieder!
Herzlichen Dank an Ernst Enggist für die perfekte Organisation der Reise zur Furka Dampfbahn, merci vielmool allen Furka Bergstrecke-Leuten für den freundlichen Empfang, ganz speziell an DFB-Reiseleiter Ernst Halter für seine interessanten Führungen und seine Geduld.
Roland Kink |